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Martha Biberauer-Vischer
(1874-1933)


Martha Vischer wurde 1874 als fünftes Kind von Adolf Eberhard und Rosalie Vischer-Sarasin in Basel geboren. Als der Vater die Leitung des Diakonissenhauses in Bern übernahm, zog die Familie in die Bundesstadt. Nach Abschluss der Schule in Bern beteiligte sich Martha an der Ausbildung der Diakonissen. 1901 war Richard Biberauer, ein ungarischer Theologe, im Diakonissenhaus Bern zu Gast. Er wurde zu Hause in Budapest mit der Aufgabe betraut, eine Diakonissenbewegung aufzubauen und besuchte deshalb die wichtigsten Diakonissenhäuser in Europa. Während des Aufenthaltes kamen Martha und der Gast ins Gespräch, sie beantwortete seine Sachfragen und gab dem jungen Theologen wertvolle Ratschläge. Kurz darauf fassten die beiden den Entschluss, den Aufbau der Diakonissenbewegung in Budapest gemeinsam in Angriff zu nehmen.

Nach der Hochzeit 1901 in Bern reisten sie gemeinsam nach Budapest. Zu dieser Zeit arbeiteten deutsche Diakonissen in einer kleinen Krankenstation in der Innenstadt von Budapest. Diese konnten aber mangels Ungarischkenntnissen weder mit den Patienten noch mit den Mitarbeitern reden. Das junge Paar machte sich sofort an die Arbeit. 1903 gründeten sie den Diakonissen-Verein Filadelfia, in dessen Rahmen sie eine Ausbildung in der Krankenpflege organisierten. Für diese Ausbildung meldeten sich bald interessierte junge Frauen aus ganz Ungarn. Die Krankenstation in der Innenstadt wurde schnell zu klein.

Einige Jahre später konnten sie, mit finanzieller Hilfe aus dem In- und Ausland, das heute noch funktionierende Bethesda Krankenhaus erwerben. 1912 arbeiteten dort bereits 20 gut ausgebildete Diakonissen und das Spital hatte einen ausgezeichneten Ruf. Die in der Bethesda ausgebildeten Diakonissen übernahmen neben der Pflege auch soziale Aufgaben in den Kirchgemeinden und in den dem Verein angeschlossenen Schulen. Die Ereignisse der Jahre 1914 bis 1920 stellten das Spital und den Verein auf eine harte Probe. Der Krieg brachte viele Verletzte und später wurden zahlreiche Patienten im Haus behandelt, die an der Spanischen Grippe erkrankt waren. Trotz der vielen Arbeit und der grossen Not kam von Staat und Kirche kaum noch finanzielle Unterstützung und die Reserven waren bald aufgebraucht. Während der Schreckensherrschaft der sozialistischen Räterepublik 1919 wollten die Behörden das Haus verstaatlichen und schliessen. Dies konnte nur dank den Vertretern des Internationalen Roten Kreuzes verhindert werden, die das Spital unter den Schutz des Roten Kreuzes stellten. So konnte das Diakonissenspital nach einer kurzen Pause 1919 seine Arbeit wieder aufnehmen.

Im Land herrschte grosse Armut und aus den Ungarn aberkannten Gebieten kamen scharenweise Flüchtlinge ins Land. Das bedeutete, dass das Haus neben der Pflege auch immer mehr soziale Aufgaben übernehmen musste. Insbesondere die verwaisten Kinder brauchten dringend Hilfe. Martha Biberauer setzte sich mit unermüdlicher Energie für die neugegründeten Kinderheime ein. In diesen schwierigen Jahren stand die Familie Vischer und vor allem Marthas Brüder der Familie Biberauer mit Rat und Tat zur Seite. Martha verschickte zahlreiche Briefe nach ganz Europa, in denen sie für das notgeplagte Haus um Hilfe bat. Sie schrieb in schweizerischen und holländischen Zeitschriften zudem viele Artikel über die Arbeit der Diakonissen im Bethesda. Es ist nicht zuletzt ihr zu verdanken, dass das Diakonissenhaus, das Spital und die Kinderheime mit ausländischer Hilfe wieder auf die Beine kamen. Auch im Land selber, insbesondere in der Reformierten Kirche, bekamen sie immer mehr Anerkennung. In all diesen Jahren war Martha Biberauer die Seele des Diakonissenhauses, ihre Tür stand immer für alle offen. Ihr fester Glaube gab ihr die notwendige Kraft für diese grosse Aufgabe. Martha Biberauer starb 1933 an einem Herzleiden. In den darauffolgenden Jahren musste ihr Mann Richard das Diakonissenhaus alleine führen.1938 wurde der Filadelfia Verein in eine Stiftung umgewandelt. Nach dem Tod des Vaters wurde Marthas ältester Sohn Leiter der Stiftung. Das Filadelfia-Diakonisseninstitut überlebte die schwierigen Kriegsjahre, jedoch wurde es nach der kommunistischen Machtübernahme 1951 aufgelöst. Das Bethesda Spital blieb aber erhalten und ist heute wieder ein hoch angesehenes Kinderspital der Ungarischen Reformierten Kirche.

Quellen: Familienarchiv Biberauer, Budapest Die Familie Vischer in Colmar und Basel Birkhäuser und Cie. Basel 1933

Elisabeth (Lyl)
Vischer-Des Gouttes
(1902-1975) –
eine Genferin
in der Zwischen-
kriegszeit


Einige Historiker betrachten heute die beiden Weltkriege von 1914-1918 und 1939-1945 als einen einzigen Krieg und deuten die Zwischenzeit von 21 Jahren als eine Art Feuerpause. Lyl war zu Beginn dieser Zeit 16 und am Ende 37 Jahre alt. Entsprechend fielen ihre Berufsausbildung und Familiengründung in diese Zeit. Lyls Vater war zuerst Anwalt und dann Mitglied des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK). Mit ihm als Vorbild wandte sich Lyl ebenfalls der internationalen Sozialarbeit zu. Auch hatte "ganz Genf" damals eine Empathie für kriegsversehrte Volksgruppen. So absolvierte Lyl nach der Maturität ein Praktikum im "Canning Tower Womens Settlement" in London und besuchte die "Ecole sociale" in Genf mit Vertiefung in "Protection de l'enfance". Dann folgte ein Einsatz bei der "Union internationale de secours aux enfants" in Wien und Budapest.

Ihre erste Berufsstelle trat sie als Sekretärin des Kinderhilfsfonds in Genf an. 1926 wurde Lyl an den Weltkongress des Christlichen Vereins junger Männer (CVJM) in Helsinki delegiert. Dort befreundete sie sich mit dem Basler Textilkaufmann Paul Vischer (1899-1982), der sich auf die Tätigkeit eines CVJM-Sekretärs vorbereitete. Um ihre Bibel- und Deutschkenntnisse zu verbessern, besuchte sie im Winterhalbjahr 1927/28 den Bibelkurs für Frauen auf St. Chrischona bei Basel. Nach der Heirat 1928 liess sich das Paar in Lausanne nieder, wohin Paul als "Welschlandssekretär des Deutschschweizer CVJM" berufen wurde. Es ging um die Betreuung junger Deutschschweizer, die sich während eines "Welschlandjahres" sprachlich und beruflich weiterbilden wollten. Lyls Fokus verschob sich folglich von internationalen zu nationalen Fragen und bald zu familiären. 1929-1932 brachte sie drei Kinder zur Welt, von denen das zweite schon einjährig starb. Die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre hatte zur Folge, dass die jungen Deutschschweizer im Welschland keine Stellen mehr fanden, so dass der Dienst von Paul hinfällig wurde. Vielleicht erwog er damals eine Rückkehr zu seinem Beruf eines Textilkaufmanns – doch sicher nicht in die sterbende Basler Seidenbandindustrie, aus der er stammte. 1934 nahm er aber eine Stelle als Prediger der Evangelischen Gesellschaft des Kantons Bern (EGB) in der Gemeinde Rüegsauschachen im Emmental an. Damit wurde Lyl praktisch eine Pfarrfrau, freilich ohne das (damalige) Prestige landeskirchlicher Pfarrfrauen. Sie gab Sonntagsschule, leitete Frauengruppen, hielt Vorträge, verteilte Literatur und vieles mehr. Dabei sprach sie konsequent deutsch, auch im Umgang mit ihren Kindern, die sich 1937/38 um zwei auf vier vermehrten. Mit dem Ausbruch oder der Fortsetzung des Weltkriegs 1939 brach dann ein neuer Lebensabschnitt mit weiteren Herausforderungen an.

Daniel L. Vischer, Juni 2021

Elisabeth Vischer-Alioth: Eine der ersten Frauen in der Schweiz, die in ein politisches Amt gewählt wurden


Elisabeth Alioth kommt am 1892 als jüngste von fünf Töchtern des Maschinenfabrikanten Ludwig Rudolf Alioth und der Bertha, geb. von Speyer, in Arlesheim zur Welt. Den für ihr künftiges Wirken entscheidenden Teil ihrer Ausbildung erhält sie in den Jahren 1913/14 an der Sozialen Frauenschule Berlin. Seit dieser Zeit fühlt sich Elisabeth berufen, für die soziale und politische Gleichberechtigung der Frau zu kämpfen. 1919 heiratet sie Eberhard Vischer*. Der erfolgreiche Jurist unterstützt sie in ihren Bestrebungen. Leider fällt er bereits 1929 einem Bergunfall zum Opfer - seine Frau Elisabeth ist zu dem Zeitpunkt gerade mal 37 Jahre alt. Das Paar hat keine Kinder, aber ab 1935 zieht sie nach dem Tod ihrer Schwester Jenny ihre zwei Neffen auf. Seit 1916 engagiert sie sich für die Frauenstimmrechtsbewegung. Von 1922 bis 1935 präsidiert sie die Vereinigung für Frauenstimmrecht Basel, und von 1940 bis 1952 den Schweizerischen Verband für das Frauenstimmrecht. Sie ist Mitbegründerin der Europäischen Frauenunion und wird im Jahr 1946 zur Ehrensekretärin der International Alliance for Women’s Suffrage and Equal Citizenship ernannt. Sie ist Vorstandsmitglied des Bundes Schweizerischer Frauenvereine, Delegierte des Kirchenrates für die Jungmädchenarbeit für die Evang.-ref. Kirche BS und von 1928 bis 1933 Vizepräsidentin des Konsumgenossenschaftlichen Frauenbundes.
Der Kampf für das Frauenstimmrecht führt sie auch in den Journalismus. Unter der Signatur E.V.A. schreibt sie ab 1920 zahlreiche Artikel, v.a. in der «Nationalzeitung» und im «Schweizer Frauenblatt». Hinzu kommen Stellungnahmen und Abhandlungen in Broschüren des Schweizerischen Verbandes für Frauenstimmrecht und im Jahrbuch der Schweizer Frauen. Daneben hält sie zahlreiche Vorträge und gibt Kurse zur Organisation der politischen Arbeit von Frauen und verfasst Beiträge für das Radio.

Als erste Frau wird sie 1955 vom weiteren Bürgerrat der Stadt Basel (heute Bürgergemeinderat) in die nur aus Männern bestehende Bürgerkommission gewählt. Am 5. Dezember 1961 eröffnet mit Elisabeth Vischer-Alioth - zum ersten Mal in der Schweizer Geschichte - eine Frau die Legislaturperiode eines Parlamentes. Elisabeth Vischer wird mit elf weiteren Frauen in den weiteren Bürgerrat von Basel gewählt, und ihr obliegt es mit ihren 70 Jahren, die Sitzung als Alterspräsidentin zu eröffnen. Sie schreibt später dazu: «Zum ersten Mal sollte ich nun einer Behörde vorstehen! Ich war mir bewusst, dass eine Frau sich in doppeltem Sinn zu bewähren hätte, denn wie leicht könnte mein Versagen verallgemeinert werden! ». Die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz und im Kanton Basel-Stadt erlebt Elisabeth Vischer-Alioth nicht mehr - sie stirbt am 20. August 1963 in Basel.

* Eberhard Vischer (Jurist) war der älteste Sohn von Eberhard Vischer-Koechlin (Theologe) und der Grosssohn von Wilhelm Vischer-Heussler, Stammvater Stamm A (u.a. Rektor der Uni Basel). Er hatte 2 Brüder und 4 Schwestern; uns von den Familientagen bekannt sind vor allem die männlichen Kinder seines Bruders Wilhelm Vischer (Theologe), seine beiden Neffen Wolfgang Vischer-Zimmerli und Eberhard Vischer-Henrich, sowie deren Nachkommen.

Quellen: Antonia Schmidlin, bz vom 2. März 2021; Kurt Jenni, Basler Stadtbuch 1965